walter gropius

 

hans eckstein

 

bauen + wohnen 23.1969 heft 8 schweiz

Bei der Feier zur Eröffnung der Bauhaus-Ausstellung im Stuttgarter Theater erhoben sich die ehemaligen Bauhausschüler und -meister spontan von ihren Sitzen - und alle übrigen Festgäste folgten ihrem Beispiel, als Walter Gropius als letzter der Redner zum Pult ging. Es war ein ergreifender Augenblick, die letzte große Ovatio aus aufrichtigem Herzen, die der Schöpfer des Bauhauses kurz vor seinem 85. Geburtstag erlebt hat. Drinnen im Theater wurden rühmende Nekrologe auf das Bauhaus gesprochen und Tänze der Schlemmerschen Bauhaus-Bühne, vortrefflich rekonstruiert, vorgeführt. Draußen im Park standen die Ulmer Studenten, Schilder über ihren Schultern mit Texten: Vergesst über dem historischen Bauhaus die gegenwärtige Hochschule für Gestaltung nicht!

 

Die Demonstration der um die Existenz und Freiheit ihrer Schule kämpfenden Ulmer Studenten entrückte die Bauhaus-Feier und Bauhaus-Ausstellung einem bloß rückgewandten Aspekt. Sie machte bewußt, wie stark die Vergangenheit des Bauhauses in unsere Gegenwart hinein¬ wirkt. Im Kampf um eine neue Lebensform und optische Kultur war die von Max Bill begründete, 1955 eröffnete Ulmer Schule die stärkste »Zitadelle« -Henry van de Velde meinte, nach seinem Weimarer »Seminar«, dessen Fortsetzung in Brüssel und dem Bauhaus die vierte. (Ob Ulm diese Zitadelle bleiben wird, ist heute, ein gutes Jahr später, noch sehr ungewiß.)

 

Jedenfalls ist die Hochschule für Gestaltung ein legitimes Kind des Bauhauses. Es ist zwar nicht ganz nach Gropius' Wünschen geraten. Aber im geistigen Kern und im Wuchs ist die Ulmer Schule unverkennbar ein Bauhaus-Sprössling. Freilich mußte Ulm in gewandelter Zeit anders sein als Wei¬ mar und Dessau, wie auch Dessau anders sein mußte wie Weimar, und Walter Gropius hat dem Ulmer Sproß die Wege geebnet und gerichtet. Das von ihm geschaffene Modell hat die Maßstäbe gesetzt. So ließen an jenem sonnigen Stuttgarter Maitag Auflauf und Aufruf der Ulmer Studenten die Reichweite des Gropiusschen Lebenswerks sehr sinnfällig in die Erscheinung treten.

 

Gewiss wäre auch ohne Gropius die alte Akademie gestorben, wären auch ohne ihn Gestaltungslehre und -Unterricht reformiert, Design-Schulen gegründet worden. Aber das Bauhaus war nicht nur eine Kunst-, Design- und Architektur-Schule. Es war die Konkretisierung einer Idee. Nur das gab dieser Gropiusschen Schöpfung die Durchschlagskraft und breite Wirkung.

 

Die Leistung dieses großen Mannes lag darin, daß er diese Schule und ihre pädagogischen Ziele in eine umfassende gesellschaftsbezogene kulturelle Idee eingebunden hat.

 

Andere waren in gleicher Richtung tätig und wirksam. In der Bauhaus-Idee aber war alles neue Denken und Wollen für die Bildung einer jungen Generation konzentriert, so daß bis heute und wohl noch bis in nahe oder ferne Zukunft im weiten Bereich einer zeitgerechten Gestaltung unsrer Umwelt und für eine Humanisierung der uns umgebenden, gestalterisch noch so wenig gemeisterten Apparatur der modernen Technik und ihrer industriellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Auswirkungen es keine Anstrengungen gibt und denkbar sind, denen Gropius und seine Bauhaus-Idee nicht die richtungweisenden Impulse gegeben hätten. Daran vermag die heutige so nebulose Polemik gegen den vermeintlich so engstirnigen Funktionalismus des Bauhauses nichts zu ändern.

 

Fünf Jahre vor dem Bau der berühmten Faguswerke in Alfeld an der Leine hat Gropius Häuser für Landarbeiter projektiert. Einige sind in Janikow in Pommern im traditionellen Backsteinmauerwerk gebaut worden. Untraditionell aber ist ihre strenge kubische Form, die Kombination kubischer Körper, der Verzicht auf einen hohen Dachstuhl zugunsten eines sehr niederen Satteldaches und auf einen begehbaren oder nutzbaren Speicherraum. Die Erscheinung dieser Häuser wurde von einer Formvorstellung bestimmt, die für das »Neue Bauen« so charakteristisch werden sollte und lange Zeit so heftig umstritten war.

 

Nachdem Gropius 1910 das Atelier von Peter Behrens, in das er 1907 eingetreten war, verlassen hatte, erhielt er sehr bald von Karl Benscheidt den Auftrag, den für einen Neubau der Schuhleistenfabrik in Alfeld schon vorliegenden Entwurf nach modernen Gesichtspunkten umzuarbeiten. Es entstand in Zusammenarbeit mit Adolf Meyer ein Bau, der nach dem ersten Weltkrieg auf die Industrie-Architektur und von da aus bald auch auf den Bürohausbau revolutionierend wirken sollte.

 

Das Neue beruht nicht auf der Konstruktion des Tragsystems, sondern in der vom Traditionellen völlig abweichenden Funktion der Außenwand, die als dünne transparente Glashaut ohne Eckstützen das Innere umschließt. Sie ist der erste »curtain wall«. Gropius hatte die Form gefunden, die den optischen Charakter des Fabrik- und mehr noch des Büro-und Warenhauses unsrer Epoche prägt. Die ebenfalls mit Adolf Meyer für die große Kölner Werkbund-Ausstellung 1914 geschaffenen Modelle für eine Fabrikhalle und ein Verwaltungsgebäude (wie van de Veldes Theater leider später abgerissen) entwickelten die Formidee des Fagusbaus weiter.

 

Gleichzeitig mit dieser Bautätigkeit entwarf Gropius für die Deutsche Reichsbahn einen Benzol-Triebwagen (1913), einen Schlafwagen (1914) und später eine Automobil-Karosserie (Adler-Cabriolet, 1930), widmet sich also Aufgaben, bei denen es darum geht, den heutigen technischen und industriellen Produktionsbedingungen gemäß »die Gestalt jedes Gegenstandes aus seinen natürlichen Funktionen und Bedingtheiten herauszufinden«, wie er das 1926 in dem Programm der Bauhaus-Produktion formuliert hat.

 

In dieser Entwurfsarbeit sieht er eine in das Ästhetische, Gestalterische übergreifende kulturelle Aufgabe und soziale Notwendigkeit. Er hat zeitlebens dafür gekämpft, »schöpferische Impulse aktiv und wirksam zu erhalten gegenüber der abstumpfenden Mechanisierung und Oberorganisierung innerhalb unserer eigenen, demokratischen Gesellschaft...

 

Wir stehen der schwierigen Aufgabe gegenüber, das Leben der Gesellschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Einwirkung der Maschine zu humanisieren. Langsam wird es uns klar, daß die soziale Komponente schwerer wiegt als alle technischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Probleme, die damit zusammenhängen.«

 

So hat er unser Problem 1952 formuliert, als er Leiter des Departement of Architecture der Harvard University war (1937 bis 1952). Aber Jahrzehnte früher schon, als er das Bauhaus gründete und leitete, schöpfte er die Kraft und moralische Initiative aus dieser Überzeugung. Darüber kann das Pathos des Gründungsprogramms nicht täuschen, so stark damals auch noch der Blick auf das ferne Ziel von Wunschbildern eines retrospektiven Idealismus verstellt war. In einem Brief aus dem Jahre 1923 spricht Feininger mit einigem Unbehagen von »mancher verstiegenen Romantik, die bei uns spukt«. Es gehört aber zur Größe dieses Walter Gropius, dass er, fern aller doktrinären Enge, das hohe, weite Ziel mit einem realistischen Weitblick im Wandel der Zeit wandelnd kontinuierlich verfolgte, so daß aus Weimar Dessau wurde. 

 

Gropius war ein bedeutender Architekt, einer der großen Pioniere des Neuen Bauens. Unnötig, von einzelnen Bau¬ werken zu sprechen. Sie sind bekannt. Gropius aber war mehr als ein großer Architekt. Er war ein revolutionärer Moralist mit gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen. Er zitierte einmal, als er von der »Zerstückelung und Verarmung« des modernen Lebens sprach, Albert Einstein: »Vervollkommung der Mittel und Verwirrung der Ziele scheinen für unser Zeitalter charakteristisch zu sein.« Ein Leben lang war Gropius um die Entwirrung der Ziele bemüht. Er war das auch in den Vereinigten Staaten, als Lehrer und als Begründer des Architekten-Teamwork TAC, in dem er nicht nur Spezialkenntnisse koordinieren wollte.

Ober solche Nützlichkeitserwägungen hinaus kam es ihm darauf an, eine Gruppe zu bilden, die ein in der Zusammenarbeit sich bestätigender Gemeinschaftsgeist zusammenhält. Er verband damit die Hoffnung, durch gemeinsames Planen und Handeln geistig verwandter Menschen »Voraussetzungen für kulturelles Wachstum« schaffen zu können.

 

Hans Eckstein

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