bauhausbuch 05

 

piet mondrian

neue gestaltung: neoplastizismus

1925

 

schriftleitung

walter gropius

l. moholy-nagy

PIET MONDRIAN

Das Generalprinzip gleichgewichtiger Gestaltung

 

In der Malerei versuchten der Neo-Impressionismus, der Pointillismus, der Divisionismus die die Gestaltung beherrschende Körperlichkeit zu vernichten, indem sie die Modellierung und die gewohnheitsmäßige perspektivische Anschauung unterdrückten. Aber erst im Kubismus finden wir dies in ein System gebracht. Im Kubismus verliert die tragische Gestaltung ihre beherrschende Macht zum größten Teil durch die Gegensätze der reinen Farbe und durch die Abstraktion der natürlichen Form. Ebenso schwächten und vernichteten in den anderen Künsten der Kubismus, der Futurismus und später der Dadaismus die Herrschaft des Tragischen in der Gestaltung. —

Erst die Malerei der realen Abstraktion oder der neuen Gestaltung machte sich gänzlich frei und wurde zu einer wirklich neuen Gestaltung. — Gleichzeitig erhob sie sich über veraltete Wertungen und Auffassungen, welche die tragische Gestaltung verlangten, und wurde eine gänzlich neue Gestaltung.

 

Im allgemeinen gibt man sich keine Rechenschaft darüber, daß Unausgeglichenheit ein Fluch für die Menschheit ist, und fährt eifrig fort, das Gefühl des Tragischen zu kultivieren. Bis jetzt beherrscht das Alleräußerlichste fast alles. Das Feminine und Materielle beherrschen Leben und Gesellschaft und fesseln den spirituellen Ausdruck in den männlichen Funktionen.

 

Die Proklamation des Hasses gegen die Frau, das Feminine, welche in einem futuristischen Manifest erschien, ist gänzlich gerechtfertigt. Das Weib im Manne ist die direkte Wurzel der Herrschaft des Tragischen, in der Kunst.

Die dekorativen Künste werden ebenso wie die angewandten Künste im neuen Gestalten verschwinden. Mobiliar, Geschirr usw. werden durch gleichzeitiges Auswirken der Architektur, Skulptur und Malerei entstehen und sich automatisch nach den Gesetzen der neuen Gestaltung richten.


So schafft der Mensch durch den neuen Geist eine neue Schönheit, während er sie früher nur lyrisch besang oder sie plastisch gestaltete. Diese neue Schönheit ist dem neuen Menschen unentbehrlich geworden, denn sie drückt sein eigenes Bild in gleichwertigem Gegensatz aus.


Die neue Kunst ist geboren.

 

 

Paris 1920.​

Wem je das Glück zu Teil wurde, in der Treppenhalle der Sammlung Kröller im Haag die konsequente Entwicklung dieses Malers, von der Naturnachahmung bis zur Abstraktion, verfolgen zu können, dem ist dieses Holländers »Lehre von der gleichgewichtigen Gestaltung« kein Modeding, sondern ein Lebensgut. Mondrian beschränkt sich nicht darauf, als Maler neue Gestaltungsgesetze der Malerei aufzustellen. Richtungweisend sucht er als Weltbürger schonungslos und unbeugsam, allgemeine Grundgesetze der Harmonie. »Den Menschen der Zukunft« gehört dieses Buch. Es ist das starke Bekenntnis eines reinen Geistes.​

bauhausbuch 05

 

piet mondrian

neue gestaltung: neoplastizismus

1925

 

schriftleitung

walter gropius

l. moholy-nagy

bauhaus bookshelf