bauhaus zeitschrift für gestaltung 2 
april-juni 1929​

 

herausgeber: hannes meyer

schriftleitung:

ernst kallai

ludwig hilberseimer
kleinstwohnungen
größe, grundriss und städtebauliche anordnung.

 

 

principiell sind zu unterscheiden wohnungen für einzel­personen und kinderlose ehepaare, die hotelartig nach art der amerikanischen appartement houses gebaut werden können, und wohnungen für familien mit kindern, die in mietshäusern untergebracht werden, wo im gegensatz zu der hotelartigen anordnung der einzelwohnungen an korridoren höchstens 3 wohnungen an einer treppe liegen. diese häuser müssen wohnungen enthalten, in denen 3, 4, 5, 6 usw. personen untergebracht werden können und zwar so, daß im gegebenen falle für kinder verschiedenen geschlechts getrennte schlafräume vorgesehen sind. für die wohnbedürfnisse eines erheblichen prozentsatzes der großstadtbevölkerung – die alleinstehenden – ist nicht im geringsten gesorgt. auch die wohnbedürfnisse dieses teils der bevölkerung müssen berücksichtigt werden.

 

für einen alleinstehenden ist notwendig: ein wohnraum, der durch ein in einem lüftbaren schrank unterzubringen­des klappbett als schlafraum benutzt werden kann, sowie eine kochgelegenheit und ein bad. für kinderlose ehe­paare liegen im grunde dieselben bedürfnisse vor, nur daß zu dem einen zimmer ein zweites hinzukommen muß, sodass die wohnung aus schlaf-und wohnraum besteht oder jedes zimmer gleichzeitig als schlaf-und wohnraum benutzt werden kann. für häuser mit derartigen wohnungen ermöglichen sich gemeinschaftseinrichtungen mit allen freiheiten eines hotels, die im zuge der entwicklung wohl bald allgemeinerer natur werden dürften (gemeinsame bedienung, restau­rant usw).

 

während bei wohnungen für 1 und 2 personen die zweck­bestimmung des raumes variabel ist, müssen bei woh­nungen für familien mit kindern die räume streng nach zwecken unterschieden werden. nur so kann die unsitte des gemeinsamen schlafzimmers von eitern und kindern oder von bruder und schwester radikal beseitigt werden. die grundrisse dieser familienwohnungen sehen daher ein gemeinsames Wohnzimmer und je nach der familien­zusammensetzung 2-4 schlafräume, küche, bad und loggia vor. aus ökonomischen gründen sind alle wohnungen aufs knappste bemessen.

 

die küche dient nur zum kochen. ihre fläche ist daher auf ein minimum reduziert, denn die den heute üblichen vorschriften entsprechenden küchen sind zum kochen zu groß und zum wohnen zu klein. der sich ergebende überschuß an küchenraum kann den anderen räumen zugute kommen. die art der möblierung der schlafzimmer geht aus den grundrissen hervor. im elternschlafzimmer stehen die betten nebeneinander, können aber auch getrennt auf­gestellt werden. in den kinderschlafzimmern können je nach den bedürfnissen 1-2 betten untergebracht werden, die selbstverständlich von einander getrennt stehen. die für die kinderzimmer notwendigen kleiderschränke sind so eingerichtet, daß die tür mit einer tischplatte versehen ist, die heruntergeklappt werden kann. die fenster wurden so groß wie möglich angenommen denn besonders bei kleinen räumen ermöglichen große fenster eine relative optische unbegrenztheit, welche die kleinheit des raumes vergessen lässt.

 

als selbstverständlich darf vorausgesetzt werden, daß der­artig aufgeteilte wohnungen zentrale beheizung und warm­wasserversorgung haben.

welt-reklame-kongress

ludwig hilbersheimer 

 

um sich ein bild von der macht zu verschaffen, über die z.b. die amerikanischen vertreter, die nach berlin kommen werden, verfügen, muss man sich einige zahlen vor augen führen. es erscheinen in amerika allein 2500 tageszeitungen mit 40 millionen exemplaren, die einen jährlichen druckpapier-konsum von etwa 1 500 000 tonnen benötigen. alle diese zeitungen sind mit reklame versehen, und auf ihre herstellung üben die reklamefachleute ihren einfluss aus. wenn man diese zahlen in ihrer ganzen bedeutung zu würdigen weiß, so kann man ermessen, ... (verzeihung, aber hier muss endlich auch die bauhausredaktion zu worte kommen) man kann also ermessen, von welch ungeheurer wirkung die korruption dieser durch und durch käuflichen riesenpresse sein muß. wer darüber etwas erfahren will, der lese upton sinclairs „sündenlohn" (malik verlag).

 

gleichzeitig aber ist auch die zahl der arbeiter, die die produk­tion leisteten, um 5,7 prozent zurückgegangen.dies ist das ergebnis der neuen industriellen revolution, ralionalisie­rung genannt, die die durchschnittsproduktivität des arbeiters seit kriegsende um 30-40 prozent erhöht hat. es zeigt sich hieraus klar und deutlich, dass der ersatz mancher arbeit durch maschinen in einem so großen maße und in einem so schnellen tempo, wie er in der nachkriegszeit erfolgt ist, in der richtung der erhöhung der arbeits­losigkeit wirken muß. diese arbeitslosigkeit ist nicht folge der rationalisierung, sondern der planlosigkeit der wirtschaft.

 

die maschine und die industrielle produktion ist nur mittel in der hand des menschen, die materie zu beherrschen, dass sie wie jedes andere mittel missbraucht werden kann, sagt nichts gegen sie, sondern nur gegen den missbraucher aus, dem es um rentabilität und gewinn, nicht aber um den menschen geht.

 

in einer planvollen wirtschaft, in der die produktion den bedürfnissen der menschen, nicht dem profitstreben einzelner entspricht, wird die gesteigerte produktivität nicht zu einem schaden, sondern zu einem vorteil für die produzierenden werden. durch die vereinfachte produktion und gesteigerte gütererzeugung kann die zu leistende mechanische arbeit auf ein minimum reduziert und die überschüssigen kräfte kulturellen zwecken dienstbar gemacht werden.

inhalt

 
kleinstwohnungen  
filmrhythmus, fllmgestaltung 
malerei und film 
augendemokratie und derglelchen 
handwerk und Industrie 
zwei plakate der hapag 
bauhausnachrichten 
buchbesprechungen​

buchbesprechnung

die frau als künstlerin

 

hans hildebrandts letztes buch, ist zwar mehr als irgend­eine andere kunstpublikation dieser jahre angezeigt und diskutiert worden; doch sei gerade der bauhaus-kreis noch eigens auf das werk hingewiesen, das für ihn von viel­facher wichtigkeit ist. einiges, z. b. eine anzahl interessanter abbildungen, hat es dem bauhaus zu danken, so wie das bauhaus ihm allerlei zu danken hat: etwa die einordnung eines großen teils seiner leistung in die ge­schichte, psychologie und soziologie des weiblichen kunst­schaffens. dieses grundgescheite buch untersucht die elemente der männlichen und weiblichen genialität, das zwischen ihnen wirkende verhältnis, ihre grenzen und aufgaben (fragen, die in den ersten jahren des bauhauses – in seinem „heroischen zeitalter" – bis zur weißglut der gehirne zerredet wurden), und bei aller gründlichkeit ist es gut zu lesen, bei aller gelehrtheit geistreich. eine besondere überraschung: der geschichtliche teil. weibliche kunstleistungen, von denen man kaum etwas ahnte, treten aus dem dunkel aller zeiten und aus der ferne aller zonen hervor, viele fäden spinnen sich aus altertum und mittelalter und volkskunst zu den arbeiten der fleißigen mädchen aus den weimarer und dessauer werkstätten, von der heiligen hildegard von bingen, von herrade von landsberg, der nonne guda, der ida van meckenem und den malerinnen von renaissance und barock zu benita otte, gunta stölzl, friedl dicker, margit tery, ise bienert und all den andern aus vergangenheit und gegenwarl, die wir hier in bild und wart wiederfinden.

 
das buch, beispielhafte leistung eines von seinem stoff ergriffenen und ihn überlegen beherrschenden forschers, ist, mit 337 abbildungen ausgestattet, bei rudolf messe buchverlag berlin erschienen. b.a.

bauhausnachrichten

 

sehr verehrter herr gropius!

 

als einstige mitarbeiter begrüßen wir sie anlässlich ihrer ernennung zum ehrendoktor der technischen hochschule hannover auf's herzlichste. die ehrung ihrer pionierarbeit erfüllt uns mit freude und genugtuung, besonders da wir die gewaltigen widerstände kennen, gegen die sie dauernd anzukämpfen hatten. sie haben das bauhaus als einzig­artige erziehungsstätte moderner technischer werkdisziplin und zugleich künstlerischer fantasiefreiheit ins leben ge­rufen und durch die aufopferungsvolle tätigkeit vieler jahre in den geistigen und materiellen grundlagen seiner existenz erfolgreich gefestigt. in lebhaftester erinnerung an diese kampf-beschwerte aber schöne zeit ihres persönlichen wirkens und der gemeinschaft, die uns mit ihnen zur mit­arbeit am bauhaus verband, haben wir sie ein-stimmig in das kuratorium des „kreises der freunde des bauhauses" gewählt. wir bitten sie, diese wahl als zeichen unserer zuneigung anzunehmen.

 
dessau, den 31. märz 1929.

 

leitung und meisterrat des bauhauses dessau, hochschule für gestaltung. gez. hannes meyer, wassily kandinsky, paul klee, lyonel feininger, oscar schlemmer, josef albers, hinnerk scheper, joost schmidt, gunta stölzl, werner feist, fritz heinze.

 

 

liebe bauhausmeister, 

liebe bauhäusler,

 

von einer reise nach paris heimkehrend , finde ich die herrliche adresse vor, die für mich eine ganz besondere überraschung und eine große freude bedeutet. ich danke ihnen allen von herzen für diese schöne ehrung und wünsche ihnen und dem bauhaus, dem ich mich immer nahe verbunden fühle, einen gedeihlichen aufstieg und die immer stärkere anerkennung ihrer gemeinsamen arbeit.

 

ihr gropius.

ludwig hilberseimer


kleinstwohnungen
größe, grundriss und städtebauliche anordnung.

 

 

principiell sind zu unterscheiden

 

wohnungen für einzel­personen und kinderlose ehepaare,

die hotelartig nach art der amerikanischen appartement houses gebaut werden,

 

und wohnungen für familien mit kindern,

die in mietshäusern untergebracht werden, wo im gegensatz zu der hotelartigen anordnung der einzelwohnungen an korridoren höchstens 3 wohnungen an einer treppe liegen. diese häuser müssen wohnungen enthalten, in denen 3, 4, 5, 6 usw. personen untergebracht werden können und zwar so, daß im gegebenen falle für kinder verschiedenen geschlechts getrennte schlafräume vorgesehen sind. 

 

für die wohnbedürfnisse eines erheblichen prozentsatzes der groß-stadtbevölkerung – die allein-stehenden – ist nicht im geringsten gesorgt. auch die wohnbedürfnisse dieses teils der bevölkerung müssen berücksichtigt werden.

 

für einen alleinstehenden

ist notwendig: ein wohnraum, der durch ein in einem lüftbaren schrank unterzubringen­des klappbett als schlafraum benutzt werden kann, sowie eine kochgelegenheit und ein bad. für kinderlose ehe­paare liegen im grunde dieselben bedürfnisse vor, nur daß zu dem einen zimmer ein zweites hinzukommen muß, sodass die wohnung aus schlaf-und wohnraum besteht oder jedes zimmer gleichzeitig als schlaf-und wohnraum benutzt werden kann. für häuser mit derartigen wohnungen ermöglichen sich gemeinschafts-einrichtungen mit allen freiheiten eines hotels, die im zuge der entwicklung wohl bald allgemeinerer natur werden dürften (gemeinsame bedienung, restau­rant).

 

während bei wohnungen für 1 und 2 personen die zweck­bestimmung des raumes variabel ist, müssen bei woh­nungen für familien mit kindern die räume streng nach zwecken unterschieden werden. nur so kann die unsitte des gemeinsamen schlafzimmers von eitern und kindern oder von bruder und schwester radikal beseitigt werden. die grundrisse dieser familien-wohnungen sehen daher ein gemeinsames Wohnzimmer und je nach der familien­zusammensetzung 2-4 schlafräume, küche, bad und loggia vor. aus ökonomischen gründen sind alle wohnungen aufs knappste bemessen.

 

die küche dient nur zum kochen.

 

ihre fläche ist daher auf ein minimum reduziert, denn die den heute üblichen vorschriften entsprechenden küchen sind zum kochen zu groß und zum wohnen zu klein. der sich ergebende überschuß an küchenraum kann den anderen räumen zugute kommen. 

 

die art der möblierung der schlaf-zimmer geht aus den grundrissen hervor. im elternschlafzimmer stehen die betten nebeneinander, können aber auch getrennt auf­gestellt werden. in den kinder-schlafzimmern können je nach den bedürfnissen 1-2 betten unter-gebracht werden, die selbst-verständlich von einander getrennt stehen.

 

die für die kinderzimmer notwendigen kleiderschränke sind so eingerichtet, daß die tür mit einer tischplatte versehen ist, die heruntergeklappt werden kann. die fenster wurden so groß wie möglich angenommen denn besonders bei kleinen räumen ermöglichen große fenster eine relative optische unbegrenztheit, welche die kleinheit des raumes vergessen lässt.

 

als selbstverständlich darf vorausgesetzt werden, daß der­artig aufgeteilte wohnungen zentrale beheizung und warm­wasserversorgung haben.

welt-reklame-kongress

ludwig hilbersheimer 

 

... es erscheinen in amerika allein 2500 tageszeitungen mit 40 millionen exemplaren, die einen jährlichen druckpapier-konsum von etwa 1 500 000 tonnen benötigen. alle diese zeitungen sind mit reklame versehen, und auf ihre herstellung üben die reklame-fachleute ihren einfluss aus. wenn man diese zahlen in ihrer ganzen bedeutung zu würdigen weiß, so kann man ermessen, ... (verzeihung, aber hier muss endlich auch die bauhausredaktion zu worte kommen)

 

man kann also ermessen, von welch ungeheurer wirkung die korruption dieser durch und durch käuflichen riesenpresse sein muß. wer darüber etwas erfahren will, der lese

upton sinclairs „sündenlohn" (malik verlag).

 

gleichzeitig aber ist auch die zahl der arbeiter, die die produk­tion leisteten, um 5,7 prozent zurück-gegangen. dies ist das ergebnis der neuen industriellen revolution, ralionalisie­rung genannt, die die durchschnitts-produktivität des arbeiters seit kriegsende um 30-40 prozent erhöht hat. es zeigt sich hieraus klar und deutlich, dass der ersatz mancher arbeit durch maschinen in einem so großen maße und in einem so schnellen tempo, wie er in der nachkriegszeit erfolgt ist, in der richtung der erhöhung der arbeits­losigkeit wirken muß. diese arbeitslosigkeit ist nicht folge der rationalisierung, sondern der planlosigkeit der wirtschaft.

 

die maschine und die industrielle produktion ist nur mittel in der hand des menschen, die materie zu beherrschen, dass sie wie jedes andere mittel missbraucht werden kann, sagt nichts gegen sie, sondern nur gegen den missbraucher aus, dem es um rentabilität und gewinn, nicht aber um den menschen geht.

 

in einer planvollen wirtschaft, in der die produktion den bedürfnissen der menschen, nicht dem profitstreben einzelner entspricht, wird die gesteigerte produktivität nicht zu einem schaden, sondern zu einem vorteil für die produzierenden werden. durch die vereinfachte produktion und gesteigerte gütererzeugung kann die zu leistende mechanische arbeit auf ein minimum reduziert und die überschüssigen kräfte kulturellen zwecken dienstbar gemacht werden.

bauhaus zeitschrift für gestaltung 2 april-juni 1929 
 
herausgeber: hannes meyer
schriftleitung:  ernst kallai​

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