bauhausbuch 09 kandinsky

punkt und linie zur fläche. beitrag zur analyse der malerischen elemente

1926​

 

schriftleitung walter gropius      l. moholy nagy

Die mit Absicht engst gestellten Fragen der beginnenden Kunst-Wissenschaft überschreiten in konsequenter Entwicklung die Grenzen der Malerei und schließlich der Kunst im allgemeinen. Hier versuche ich nur einige Wegweiser aufzustellen – analytische Methode mit Berücksichtigung der synthetischen Werte.​

 

Kandinsky

 

Weimar 1923
Dessau 1925

MALEREI UND ANDERE KÜNSTE

 

In Bezug auf analytische Untersuchungen nimmt die Malerei unter anderen Künsten merkwürdigerweise eine Sonderstellung ein. Die Architektur zum Beispiel, die naturgemäß mit praktischen Zwecken verbunden ist, musste von vornherein gewisse wissenschaftliche Kenntnisse haben. Die Musik, die keinen praktischen Zwecke hat (abgesehen von Marsch und Tanz) und die bis heute allein für abstrakte Werke geeignet war, hat längst ihre Theorie, eine bis jetzt vielleicht etwas einseitige Wissenschaft, die sich aber in ständiger Entwicklung befindet. So haben die beiden zueinander antipodisch liegenden Künste eine wissenschaftliche Basis, und es wird kein Anstoß daran genommen. Wenn die anderen Künste in dieser Beziehung mehr oder weniger zurückgeblieben sind, so ist der Grad dieser Unterschiede auf den Grad der Entwicklung jeder dieser Künste zurückzuführen.

Der Punkt

 

Der geometrische Punkt ist ein unsichtbares Wesen. Er muß also als ein unmaterielles Wesen definiert werden. Materiell gedacht gleicht der Punkt einer Null. In dieser Null sind aber verschiedene Eigenschaften verborgen, die menschlich sind. In unserer Vorstellung ist diese Null – der geometrische Punkt – mit der höchsten Knappheit verbunden, d. h. mit der größten Zurückhaltung, die aber spricht.

 

So ist der geometrische Punkt in unserer Vorstellung die höchste und höchst einzelne Verbindung von Schweigen und Sprechen. Deshalb hat der geometrische Punkt seine materielle Form in erster Linie in der Schrift gefunden – er gehört zur Sprache und bedeutet Schweigen.

Die Linie

 

Die geometrische Linie ist ein unsichtbares Wesen. Sie ist die Spur des sich bewegenden Punktes, also sein Erzeugnis. Sie ist aus der Bewegung entstanden – und zwar durch Vernichtung der höchsten in sich geschlossenen Ruhe des Punktes. Hier wird der Sprung aus dem Statischen in das Dynamische gemacht. Die Linie ist also der größte Gegensatz zum malerischen Urelement – zum Punkt. Sehr genau genommen kann sie als ein sekundäres Element bezeichnet werden.

Tanz

 

Im Tanz zeichnet der ganze Körper und im neuen Tanz jeder Finger Linien mit sehr deutlichem Ausdruck. Der moderne Tänzer bewegt sich auf dem Podium auf exakten Linien, die er in die Komposition seines Tanzes als ein wesentliches Element hereinzieht (Sacharoff). Außerdem ist der ganze Körper des Tänzers bis in die Fingerspitzen in jedem Augenblick ununterbrochen eine Linienkomposition (Palucca). Die Linienverwendung ist wohl eine neue Errungenschaft, aber selbstverständlich keine Erfindung des modernen Tanzes: abgesehen vom klassischen Ballett, arbeiten alle Völker auf jeder Stufe ihrer Entwicklung im Tanz mit der Linie.

Musik

 

Außer den bereits erwähnten Pauken- und Triangelschlägen können Musik Punkte in der Musik auf allerhand Instrumenten (besonders auf Schlaginstrumenten) hervorgebracht werden, wobei der Flügel geschlossene Kompositionen ausschließlich durch Zusammenstellungen und durch das Nacheinanderfolgen der Klangpunkte ermöglicht.

Die Grundfläche

 

Unter der Grundfläche wird die materielle Fläche verstanden, die Begriff berufen ist, den Inhalt des Werkes aufzunehmen. Sie wird hier mit GF bezeichnet. Die schematische GF ist von 2 horizontalen und 2 vertikalen Linien begrenzt und dadurch im Bereich ihrer Umgebung als selbständiges Wesen umrissen.

ANHANG

wassily kandinsky:

warum mich der kreis fesselt?

er ist

 

1. die bescheidenste form, aber rücksichtslos behauptend

2. präzise, aber unerschöpflich variabel

3. stabil und unstabil gleichzeitig

4. leise und laut gleichzeitig

5. eine spannung, die zahllose spannungen in sich trägt.

 

bauhausbuch 09 kandinsky

punkt und linie zur fläche. beitrag zur analyse der malerischen elemente

1926​

 

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walter gropius

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