bauhausbuch 14

l. moholy-nagy

von material zu architektur

1929

 

schriftleitung

walter gropius

moholy-nagy

vorwort

Inhalt

 

I. erziehungsfragen

II. das material

III. das volumen (plastik)

IV. der raum (architektur)

das buch macht nicht anspruch darauf, als ein handbuch der materialien, der plastik oder architektur zu gelten; es will nicht lexikalisch alles, was innerhalb dieser gebiete erwähnenswert ist, behandeln — sondern es will eine führungslinie aufzeigen mit dem deutlich gesetzten ziel, den menschen zum eigenen erlebnis anzuregen. […]

 

die basis des buches bilden meine vorträge in der grundlehre des bauhauses (weimar – dessau) in den jahren 1923–1928. die beispiele, die ich hier aufgenommen habe, sind zum großen teil arbeiten meiner schüler aus den gleichen jahren.

 

manuskript und korrekturen des buches wurden von meiner frau, lucia moholy, durchgearbeitet, in gedanken und formulierung vielfach geklärt und bereichert.

 

kleinschreibung und andere abweichungen von der üblichen ortografie sind in diesem buche angewandt aus gründen der Vereinfachung, es ist mir bewusst, daß ich hier keine grundsätzliche, auch keine konsequente erneuerung der ortografie durchführen konnte, ich versuchte nur, die vorhandenen anregungen in heute leicht tragbarem ausmaß zu realisieren.

 

rapa11o / september 1928

 

m-n

das erlebnis eines kunstwerks kann niemals durch schilderung zum besitz werden, beschreibungen und analysen sind bestenfalls zerebrale wegbereiter und sie können den mut zu dem versuch geben, es durch eigene auseinandersetzung in seiner zeitlichen und biologischen gültigkeit zu erobern.

bauhausbuch 14: Titelgestaltung L. Moholy-Nagy. Quelle: moholy-nagy.org

das erlebnis

eines kunstwerks kann niemals durch schilderung zum besitz werden, beschreibungen

und analysen sind bestenfalls

zerebrale wegbereiter und sie können den mut zu dem versuch geben, es durch eigene auseinandersetzung in seiner zeitlichen und biologischen gültigkeit zu erobern.

die vorgänger der heutigen erziehungspraxis

 

von pestalozzi-fröbel bis heute ist die erziehungsfrage ununterbrochen aktuell geblieben. das erziehungsprogramm reicht vom kindergarten bis zur hochschule, vom einzeltcma zur menschenbildung. man suchte nach der befreiung des kindes im zeichen, und handfertigkeitsunterricht, im sprachunterricht, im gesamtlehrplan. czizek, montessori, lichtwarkschule, wendekreis, worpswede, lietz-ilsenburg, wyneken-wickersdorf, daltonsystem, - landerziehungsheime, arbeitsschulen, versuchsschulen usw. bemühten sich in den letzten jahrzehnten um einen organischen aufbau der erziehung im kindesalter.

 

der heranwachsende mensch ist aber auch heute noch zum größten teil dem traditionellen fachstudium ausgeliefert, das ihm kenntnisse vermittelt, ohne seine stellung zu umwelt und mitmenschen, seine beziehung zu stoff und inhalt seiner arbeit zu klären.

I. erziehungsfragen​

das bauhaus

 

diesem mangel versuchte das bauhaus abzuhelfen, indem es nicht das »fach« an den beginn seiner lehre stellte, sondern den menschen in seiner natürlichen bereitschaft, das lebensganze zu fassen. obwohl aus äußeren gründen eine semestereinteilung noch beibehalten wurde, sollte der alte begriff und inhalt »schule« überwunden werden und eine arbeitsgemeinschaft entstehen. die einem jeden innewohnenden kräfte sollten zu einem freien kollektiv zusammengeschlossen werden. auch die art einer studiengemeinschaft, die »nicht für die schule, sondern für das leben lernt« sollte überwunden und zu einem stück organischen, fluktuierenden, reichen lebens werden.

 

ein solches kollektiv bedeutet lebenspraxis. seine einzelglieder müssen demnach nicht nur sich und ihre eigenen kräfte, sondern auch die lebens- und arbeitsbedingungen der umwelt beherrschen lernen. diese beherrschung auch des äußeren lag dem erziehungsprogramm des bauhauses oder - entsprechender gesagt - der bauhausarbeit, zugrunde. das erste jahr diente der entwicklung und reifung von sinn, gefühl und gedanken - insbesondere bei jenen jungen menschen, die infolge der üblichen kindheitserziehung eine unfruchtbare häufung lexikalen wissens hinter sich hatten. erst nach diesem ersten jahr der entwicklung und reifung begann die zeit der fachbildung nach freier wahl innerhalb der bauhauswerkstätten. 

 

und auch in der zeit dieser fachbausbildung war das gesamtziel: der totale mensch. 

der mensch, der von seiner biologischen mitte her allen dingen des lebens gegenüber wieder mit instinktiver sicherheit stellung nehmen kann; der sich heute genau so wenig von industrie, eiltempo, äußerlichkeiten einer oft mißverstandenen „maschinenkultur" überrumpeln läßt, wie der mensch der antike die sicherheit hatte, sich den naturgewalten gegenüber zu behaupten.​ [...]

die form der tasttafel wurde bei keiner aufgabe vorgeschrieben. das einzige kriterium war, dass die zur darstellung gelangenden werte deutlich, doch in knappster weise erlasst werden. diese forderung führte bei den einzelnen zu grundverschiedenen lösungen. unter den vielen abgelieferten arbeiten war keine einzige, die nicht eine individuelle erfindung aufwies. das war nicht etwa das ergebnis einer langen vorbereitung. die arbeiten entstanden alle nach den ersten stunden.​

tastübungen

es war interessant, bei diesen übungen die verschiedenen sinneskulturen zu beobachten. die japaner z. b. haben zweifellos eine aktivere beziehung zu den tastwelten als die europäer. das äußerte sich auch bei den tastübungen mit zugebundenen augen. gegenüber seinen kameraden, die die materialien meist streichelnd zu erfassen suchten, tanzte mizutani förmlich mit den fingern daran. das streichelnde abtasten war für ihn nicht ausreichend.​

die terminologie für die verschiedenen materialgefüge ist bis heute nicht exakt genug geprägt.

 

im allgemeinen werden vier teilbegriffe benutzt: 

struktur 

textur 

faktur 

häufung (haufwerk)

 

struktur

 

die unveränderbare aufbauart des materialgefüges nennt man struktur. jedes material besitzt also struktur; metalle z.b.: kristallinische, papier: faserige struktur. usw.

 

textur

 

die organisch entstandene abschlussfläche jeder struktur nach außen heißt textur (epidermis, organisch).

 

faktur

 

faktur ist die art und erscheinung, der sinnlich wahrnehmbare niederschlag (die einwirkung) des werkprozesses, der sich bei jeder bearbeitung am material zeigt. also die oberfläche des von außen her veränderten materials (epidermis, künstlich). diese äußere einwirkung kann sowohl elementar (durch natur-einfluss), als auch mechanisch, z. b. durch maschine usw. erfolgen. fakturen können an einem objekt verschiedenerweise vorkommen. z. b. bei einer metallschale als: musterungen (hammerschläge), vollkommene glätte (gedrückt und poliert), lichterscheinung (spiegelung, reflexion, farbbrechung) und als je nach material und kraft variierte niederschläge.

terminologie

manche werden von der richtigkeit solcher übungen vielleicht erst dann überzeugt, wenn man ihnen etwas von den praktischen anwendungsmöglichkeiten erzählt. für dieses beispiel: die buchbinder und packungsindustrien (schokolade, keks usw.) könnten auf diese weise reizvolle musterungen erhalten. aber darauf kommt es viel weniger an als auf die grundsätzliche beziehung des menschen zum material, die sich in jedem gegebenen fall von der aufgabe her fruchtbar auswirken kann.​

ein schönes ergebnis dieser materialübungen im bauhaus war die begeisterung, mit der die einzelnen z. b. aus einem stück unbeachteten brennholzes durch intensive manuelle bearbeitung verschiedene kleine gegenstände hervorbrachten. manchmal rieb und ölte und polierte man an einem kleinen stück holz tagelang, bis am ende dieser arbeit eine bleibende beziehung zu dem material - in diesem falle: holz - gewonnen war.​

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von material zu architektur  1929

 

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