bauhausbuch 04

oskar schlemmer

die bühne

im bauhaus

1925

 

schriftleitung

walter gropius

l. moholy-nagy

DAS TRIADISCHE BALLETT

DIESES BUCH WURDE IM FRÜHJAHR 1924 ZUSAMMENGESTELLT.

TECHNISCHE SCHWIERIGKEITEN VERHINDERTEN DAS RECHTZEITIGE ERSCHEINEN. DAS PERSONENGREMIUM DES BISHERIGEN STAATLICHEN BAUHAUSES HAT SEINE TÄTIGKEIT IN WEIMAR ABGESCHLOSSEN UND SETZT SIE UNTER DEM NAMEN: »DAS BAUHAUS IN DESSAU (ANHALT)« FORT.

Begonnen 1912 in Stuttgart, in Arbeitsgemeinschaft mit dem Tänzerpaar Albert Burger und Elsa Hötzel und dem Werkmeister Carl Schlemmer. Erstaufführung von Teilen des Balletts 1915. Erstaufführung des ganzen Balletts September 1922 Landestheater Stuttgart. Weitere Aufführungen 1923: Bauhauswoche Nationaltheater Weimar und Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden.

 

Das Triadische Ballett besteht aus drei Abteilungen, die einen Aufbau von typisch gestalteten Tanzszenen bilden, dem Sinn nach von Scherz zu Ernst gesteigert. Die erste ist heiter-burlesker Art bei zitronengelb ausgehängter Bühne, die zweite festlich-getragen auf rosafarbener Bühne und die dritte mystisch-phantastischer Art auf schwarzer Bühne. Die 12 verschiedenen Tänze in 18 verschiedenen Kostümen werden wechselweise getanzt von drei Personen: zwei Tänzern und einer Tänzerin. Die Kostüme bestehen teils aus wattierten Stoffteilen, teils aus starren, cachierten Formen, die farbig oder metallisch behandelt sind.​

OSKAR SCHLEMMER

MENSCH UND KUNSTFIGUR

 

 

Die Geschichte des Theaters ist die Geschichte des Gestaltwandels des Menschen: der Mensch als Darsteller körperlicher und seelischer Geschehnisse im Wechsel von Naivität und Reflexion, von Natürlichkeit und Künstlichkeit. Hilfsmittel der Gestaltverwandlung sind Form und Farbe, die Mittel des Malers und Plastikers. Der Schauplatz der Gestaltverwandlung ist das konstruktive Formgefüge des Raums und der Architektur, das Werk des Baumeisters. — Hierdurch wird die Rolle des bildenden Künstlers, des Synthetikers dieser Elemente, im Bereich der Bühne bestimmt.

 

Zeichen unserer Zeit ist die Abstraktion, die einerseits wirkt als Loslösung der Teile von einem bestehenden Ganzen, um diese für sich ad absurdum zuführen oder aber zu ihrem Höchstmaß zu steigern, die sich andererseits auswirkt in Verallgemeinerung und Zusammenfassung, um in großem Umriss ein neues Ganzes zu bilden.

 

Zeichen unserer Zeit ist ferner die Mechanisierung, der unaufhaltsame Prozess, der alle Gebiete des Lebens und der Kunst ergreift. Alles Mechanisierbare wird mechanisiert. Resultat: die Erkenntnis des Unmechanisierbaren. Und nicht zuletzt sind Zeichen unserer Zeit die neuen Möglichkeiten, gegeben durch Technik und Erfindung, die oft völlig neue Voraussetzungen schaffen und die Verwirklichung der kühnsten Phantasien erlauben oder hoffen lassen. Die Bühne, die Zeitbild sein sollte und besonders zeitbedingte Kunst ist, darf an diesen Zeichen nicht vorübergehen.

 

»Bühne«, allgemein genommen, ist der Gesamtbereich zu nennen, der zwischen religiösem Kult und der naiven Volksbelustigung liegt, die beide nicht sind, was die Bühne ist: zwecks Wirkung auf den Menschen vom Natürlichen abstrahierte Darstellung […]

 

Die Frage nach dem Ursprung von Sein und Welt, ob am Anfang das Wort, die Tat oder die Form war — ob Geist, Handlung oder Gestalt — der Sinn, das Geschehen oder die Erscheinung — ist auch in der Welt der Bühne lebendig und lässt diese unterscheiden in die Sprech- oder Tonbühne eines literarischen oder musikalischen Geschehens, die Spielbühne eines körperlich-mimischen Geschehens, die Schaubühne eines optischen Geschehens. Diesen Gattungen entsprechen ihre Vertreter, nämlich: der Dichter (Schriftsteller oder Tonsetzer) als der Wort- oder Tonverdichtende, der Schauspieler als der mittels seiner Gestalt Spielende und der Bildgestalter als der in Form und Farbe Bildende.

THEATER, ZIRKUS, VARIETÉ

L. MOHOLY-NAGY 

 

1. DAS GESCHICHTLICHE THEATER

 

Das geschichtliche Theater war im wesentlichen Bericht oder Propaganda oder gestaltete Aktionskonzentration von Geschehnissen und Lehren, und zwar in ihrer weitesten Bedeutung: also als »dramatisierte« Sage, als religiöse (kultische) oder staatliche Werbung, als verdichtete Handlung mit einer mehr oder weniger durchschimmernden Tendenz.

 

Von Geschehniskopie, einfacher Erzählung, Leitsatz oder Plakattext unterschied sich das Theater durch die ihm eigene Synthese der Darstellungselemente:

 

TON, FARBE (LICHT), BEWEGUNG, RAUM, FORM (GEGENSTÄNDE UND MENSCHEN).

 

Mit diesen Elementen — in ihren betonten, oft aber unbeherrschten Zusammenhängen — versuchte man ein gestaltetes Erlebnis zu vermitteln. Im Erzählungsdrama der Frühzeit waren diese Elemente im allgemeinen illustrativ angewandt, der Mitteilung oder der Propaganda untergeordnet. Die Entwicklung führte zum Aktionsdrama, in dem die Elemente einer bewegungsdramatischen Gestaltung sich klärten. (Stegreiftheater, Commedia dell’arte.) Diese machten sich mehr und mehr von der sachlichen, nicht mehr vorherrschenden Zentralität einer logischen, gedanklich-gefühlsmäßigen Handlung frei. Ihr Tendenzcharakter verschwand langsam zugunsten einer freieren Aktionskonzentration (Shakespeare; die Oper). ff.

 

2. VERSUCHE HEUTIGER THEATERGESTALTUNG

a) Theater der Überraschungen, Futuristen, Dadaisten, Merz

b) Die mechanische Exzentrik

 

3. DAS KOMMENDE THEATER: THEATER DER TOTALITÄT

 

4. Wie soll das Theater der Totalität verwirklicht werden?

 

5. Die Mittel

oskar schlemmer 

warum triadisches ballett?

 

weil die drei eine eminent wichtige beherrschende zahl ist, bei der das monomane ich und der dualistische gegensatz überwunden sind, und das kollektive beginnt. nächst ihr kommt die fünf, dann die sieben und so fort, abgeleitet von trias – dreiklang ist das ballett ein tanz der dreiheit zu nennen, des wechsels der eins, zwei und drei. eine tänzerin und zwei tänzer: 12 tänze und 18 kostüme. solche dreiheiten sind ferner: form, farbe, raum. die drei dimensionen des raumes: höhe, tiefe, breite. die grundformen: kugel, kubus, pyramide, die grundfarben: rot, blau, gelb. die dreiheit von tanz, kostüm, musik.

OSKAR SCHLEMMER

MENSCH UND KUNSTFIGUR

 
 

Die Geschichte des Theaters ist die Geschichte des Gestaltwandels des Menschen: der Mensch als Darsteller körperlicher und seelischer Geschehnisse im Wechsel von Naivität und Reflexion, von Natürlichkeit und Künstlichkeit. Hilfsmittel der Gestaltverwandlung sind Form und Farbe, die Mittel des Malers und Plastikers.

 

Der Schauplatz der Gestalt-verwandlung ist das konstruktive Formgefüge des Raums und der Architektur, das Werk des Baumeisters. — Hierdurch wird die Rolle des bildenden Künstlers, des Synthetikers dieser Elemente, im Bereich der Bühne bestimmt.

 

Zeichen unserer Zeit ist die Abstraktion, die einerseits wirkt als Loslösung der Teile von einem bestehenden Ganzen, um diese für sich ad absurdum zuführen oder aber zu ihrem Höchstmaß zu steigern, die sich andererseits auswirkt in Verallgemeinerung und Zusammenfassung, um in großem Umriss ein neues Ganzes zu bilden.

 

Zeichen unserer Zeit ist ferner die Mechanisierung, der unaufhaltsame Prozess, der alle Gebiete des Lebens und der Kunst ergreift. Alles Mechanisierbare wird mechanisiert. Resultat: die Erkenntnis des Unmechanisierbaren.

 

Und nicht zuletzt sind Zeichen unserer Zeit die neuen Möglichkeiten, gegeben durch Technik und Erfindung, die oft völlig neue Voraussetzungen schaffen und die Verwirklichung der kühnsten Phantasien erlauben oder hoffen lassen. Die Bühne, die Zeitbild sein sollte und besonders zeitbedingte Kunst ist, darf an diesen Zeichen nicht vorübergehen.

 

»Bühne«, allgemein genommen, ist der Gesamtbereich zu nennen, der zwischen religiösem Kult und der naiven Volksbelustigung liegt, die beide nicht sind, was die Bühne ist: zwecks Wirkung auf den Menschen vom Natürlichen abstrahierte Darstellung […]

 

Die Frage nach dem Ursprung von Sein und Welt, ob am Anfang das Wort, die Tat oder die Form war — ob Geist, Handlung oder Gestalt — der Sinn, das Geschehen oder die Erscheinung — ist auch in der Welt der Bühne lebendig und lässt diese unterscheiden in die Sprech- oder Tonbühne eines literarischen oder musikalischen Geschehens, die Spielbühne eines körperlich-mimischen Geschehens, die Schaubühne eines optischen Geschehens. Diesen Gattungen entsprechen ihre Vertreter, nämlich: der Dichter (Schriftsteller oder Tonsetzer) als der Wort- oder Tonverdichtende, der Schauspieler als der mittels seiner Gestalt Spielende und der Bildgestalter als der in Form und Farbe Bildende.

bauhausbuch 04

oskar schlemmer

die bühne im bauhaus

1925

 

schriftleitung

walter gropius

l. moholy-nagy

Begonnen 1912 in Stuttgart, in Arbeitsgemeinschaft mit dem Tänzerpaar Albert Burger und Elsa Hötzel und dem Werkmeister Carl Schlemmer. Erstaufführung von Teilen des Balletts 1915. Erstaufführung des ganzen Balletts September 1922 Landestheater Stuttgart. Weitere Aufführungen 1923: Bauhauswoche Nationaltheater Weimar und Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden.

 

Das Triadische Ballett besteht aus drei Abteilungen, die einen Aufbau von typisch gestalteten Tanzszenen bilden, dem Sinn nach von Scherz zu Ernst gesteigert. Die erste ist heiter-burlesker Art bei zitronengelb ausgehängter Bühne, die zweite festlich-getragen auf rosafarbener Bühne und die dritte mystisch-phantastischer Art auf schwarzer Bühne. Die 12 verschiedenen Tänze in 18 verschiedenen Kostümen werden wechselweise getanzt von drei Personen: zwei Tänzern und einer Tänzerin. Die Kostüme bestehen teils aus wattierten Stoffteilen, teils aus starren, cachierten Formen, die farbig oder metallisch behandelt sind.​

3

3

bauhaus bookshelf