hans eckstein

das ende des bauhauses 

 

das werk: architektur und kunst 19.1932 schweiz

Die nationalsozialistische Mehrheit des Dessauer Stadtparlaments hat den Etat des Bauhauses abgelehnt. Damit ist das Bauhaus bereits zum zweiten Male von seiner Wirkungsstätte verjagt; zum zweiten Male entscheiden nicht Wert oder Unwert seiner künstlerischen Erziehungsprinzipien sein Schicksal, sondern die zufälligenMehrheitsverhältnisse eines politischen Parlamentes. 1925 kam Walter Gropius, der — 1919 von der provisorischen Regierung in Sachsen-Weimar-Eisenach berufen— die ehemalige «Grossherzogliche Hochschule für bildende Kunst» und die von van de Velde gegründete «Grossherzogliche Kunstgewerbeschule» im «StaatlichenBauhaus Weimar» vereinigte, einer Auflösung des Instituts durch eine neue Regierung in Thüringen zuvor. Die Stadt Dessau übernahm das Institut mit seinem gesamtenMeister- und Schülerbestand und ermöglichte einen Neubau nebst Wohnbauten für Studierende und Meister.

 

In Weimar aber hat Schulze-Naumburg, als er 1930 von demdamaligen nationalsozialistischen thüringischen Volksbildungsminister zum Direktor der Weimarer Bauhochschule berufen war, die letzte Erinnerung an das Bauhaus ausgelöscht, indem er Schlemmers Fresken in dem Werkstattgebäude der Schule übertünchen liess. Heute erheben reaktionäre Heisssporne sogar die Forderung, das Gebäude, das Walter Gropius in Dessau für das Bauhaus geschaffen hat, niederzureissen! — aber man wird es sich wohl etwas länger überlegen, einen Millionenbau zu vernichten.

 

Die Abhängigkeit von den wechselnden Mehrheiten in den Parlamenten hat sich, wie es kaum anders möglich war, auch im Bauhaus selbst ungünstig ausgewirkt. Den zunächst mehr aus parteipolitischen Vorurteilen als aus Sachkenntnis kommenden Anfeindungen ist im Bauhaus selbst leider nicht in der einzig möglichen überzeugenden Weise geantwortet worden. Gewiss wurde im grossen ganzen der Bauhausidee gemäss gearbeitet; die Weimarer Erfahrungen wurden sorgsam revidiert, das Bauhaus erzielte in Dessau seine grössten äusseren Erfolge, es hat heute Weltruf. Aber alle tatsächlichen Erfolge verloren für seine Gegner in dem Masse an Überzeugungskraft, als die innere Krise, hervorgerufen durch die besinnungslose Politisierung einer Sache, bei der es in erster Linie um neue Grundsätze der künstlerischen Gestaltung, nicht um politische Doktrinen geht, wuchs und auch dem Aussenstehenden nicht mehr verborgen bleiben konnte.

 

Infolge dieser Politisierung von innen, die unter dem früheren Leiter Hannes Meyer zur allgemeinen Disziplinlosigkeit der Schülerschaft und einem Krieg aller gegen alle auch innerhalb des Meisterrats ausartete, lieferten die Bauhäusler selbst dem Gegner die Waffen, mit denen jetzt diese Vorburg der neuen Kunst und Architektur zu Fall gebracht wird.

 

Hannes Meyer rechnet es sich zum Verdienst an, dass unter seiner Leitung das Bauhaus zum ersten mal programmgemäss gearbeitet habe, es habe die letzten Reste der Akademie abgestreift und endlich produziert. Das letztere war allerdings der Fall; das Bauhaus vermochte sich zwar auch jetzt nicht, wie Gropius im Anfang gehofft hatte, selbst zu erhalten, aber die Jahresproduktion ist unter Hannes Meyer enorm gestiegen, und das erfolgreichste «Betriebsjahr» brachte den Studierenden 32 000 Reichsmark Lohngelder ein. Die Schüler arbeiteten an einem Generalbebauungsplan für Dessau, am städtischen Siedlungsbau; es entstanden die Bauhaustapeten, Bauhausstoffe, -lampen, -standardmöbel.

 

«Bedarfwirtschaft war Leitmotiv, und die letzten Kunstjünger gingen Tapetenfarben mischen». Der äussere Erfolg war nicht gering — und der Weltruhm, den das Bauhaus geniesst, deckte noch eine Zeitlang die Symptome eines inneren Zersetzungsprozesses schonend zu. Es kam gewiss viel Gutes aus dem Bauhaus heraus, aber je mehr der Betrieb anschwoll, desto magerer wurde das Ergebnis in bezug auf die künstlerische Qualität.

 

Wäre der politische Vorstoss erfolgt, als Hannes Meyer das Bauhaus verliess, hätten es auch grundsätzlich zustimmende Gutachter schwer gehabt, eine günstige Auskunft zu erteilen. Heute, zwei Jahre später, darf man wieder Hoffnung haben, dass das Bauhaus seine Aufgabe erfüllen wird, den Nachwuchs in praktischer Werkarbeit zu fortschreitender Vergeistigung der neuen Formen zu erziehen.

 

Der neue Leiter, Mies van der Rohe, hat die Produktionswerkstätten aufgehoben. Gegenüber der lärmenden Werbetätigkeit und Betriebsamkeit unter dem Leitmotiv «Bedarfwirtschaft» sind die erzieherischen Aufgaben wieder in ihre Rechte eingesetzt worden. Die Lehr- und Modell-Werkstätten beschränken sich auf die Durchbildung und Ausprobung brauchbarer Modelle für die Industrie. Das Bauhaus produziert also wieder wie früher – nur mittelbar und mehr im Sinne der Forschungsinstitute und Versuchslaboratorien der Hochschulen.

 

Vor allem hat Mies van der Rohe im Bauhaus auch wieder geordnete Verhältnisse geschaffen; Elemente, die sich der Hausordnung nicht fügen wollten, wurden entfernt; der Lehrbetrieb entpolitisiert. Seine ruhige, besonnene Art bietetGewähr für eine gedeihliche Entwicklung.

 

Die Schliessung des Bauhauses braucht nicht das Ende des Bauhauses zu bedeuten, denn dieses ist nicht an die Stadt Dessau gebunden. Auf keinen Fall wird die zukunftsträchtige Bewegung durch Parlamentsbeschlüsse hinweggefegt. Auch diejenigen politischen Parteien, die heute in deutschen Parlamenten um eines Augenblickseffekts willen Agitationsanträge einbringen, werden nicht ewig Feinde des neuen Baugeistes bleiben können, wenn sie sich nicht ausserhalb der modernen Wirklichkeit stellen wollen. Gegenwärtig aber besteht Gefahr, dass man heute den Ast absägt, auf dem man morgen gerne sitzen würde. 

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